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IP in sozialen Berufen
Wir beide, Anne-Christin Herrmann und Christina Ott, sind langjährige Freundinnen. 1984 lernten wir uns bei unserer Ausbildung zur Krankenschwester im Diakonissen Krankenhaus Dresden kennen. Heute, 35 Jahre später, sind wir beide mit der Individualpsychologie vertraut und arbeiten auch weiterhin im Gesundheitssektor. Anne-Christin in einer Allgemeinmedizinischen Praxis in Bautzen, Christina in einer Diabetologischen Praxis in Schmalkalden.
Der folgende Gedankenaustausch zum Thema entstand im Gespräch mit unseren Ehemännern Michael und Johannes.

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Welche Verbindung gibt es für euch zwischen eurer Arbeit in der Arztpraxis und der IP?
Anne: Die intensivste Verbindung ist für mich dadurch entstanden, dass ich viele meiner Übungsaufgaben der ermutigenden Qualitäten über drei Jahre genau dort trainiert habe. Das bringt natürlich einen reichen Erfahrungsschatz mit sich. Zum Beispiel übte ich, die Nachrede über Patienten mit meinen Kolleginnen zu unterlassen und Sätze wie: „Dieser Patient hat mir jetzt gerade noch gefehlt...“ aus meinem Denken und Reden zu streichen. Das bewirkte in mir eine ehrlichere Haltung ihnen gegenüber.
Das Verhältnis zu einer meiner Kolleginnen hat sich verbessert als ich anfing, sie nicht als Konkurrenz zu sehen und mich nicht mit ihr und ihrer Arbeitsweise zu vergleichen. Stattdessen begann ich, ihre Art zu achten und den Beitrag zu sehen, den sie für die gesamte Praxis einbringt. Dadurch gelang es mir, aufrichtige Anerkennung für sie zum Ausdruck zu bringen und auch mich selbst mehr wertzuschätzen.
Christina: Ja, ähnlich ging es mir auch. Im Team und mit Patienten. Durch die besondere Nähe zu Menschen in diesem Beruf gibt es ungezählte Möglichkeiten, die freundliche Stimme einzusetzen, Geduld zu üben oder etwas freundlich und fest zu sagen. Zum Beispiel, wie bei uns das Bestellsystem funktioniert, wenn ein Patient immerzu Ausnahmen fordert. Für mich hatten die meisten Übungen während der Ausbildung mit dem Team der Arztpraxis zu tun. Denn auch im Sozialen Beruf arbeiten ziemlich normale Menschen zusammen mit den selben Reibungspunkten, wie anderswo.
Anne: Immer mehr konnte ich auch einzelne Aspekte der Wesensart von Patienten erahnen. Ist jemand überkorrekt und rückt den Behandlungsstuhl akkurat zurecht? Oder wird die Tür zaghaft, beherzt oder polternd geöffnet? Durch dieses Wahrnehmen versuche ich mich individuell darauf einzustellen.
Christina: Meinen Beruf der Krankenschwester habe ich immer schon geliebt, auch wegen des Kontaktes zu Menschen. Durch die IP konnte ich mich noch einen wesentlichen Schritt weiterentwickeln. Und davon profitieren Patienten und Kolleginnen. Ich bin verständnisvoller für Menschen und ihre Eigenheiten geworden. Auch barmherziger und geduldiger. Die Verschiedenheit der Patienten konnte ich zwar auch vorher schon gut beobachten, hatte aber kein sinnvolles Raster und Erklärungsmodell für diese Unterschiede. Das Wissen um die Prioritäten Überlegenheit, Kontrolle, Gefallenwollen und Bequemlichkeit half mir da wesentlich weiter.
Anne: Ich lernte mich besser kennen durch die Individualpsychologie. Ich verstand irgendwann, dass mir sogar manchmal mein eigener Lebensstil die Arbeit mit Patienten erschwert hatte. Ich zog mich dann zu schnell zurück, wenn irgendetwas schwierig war oder ich mit jemandem nicht klarkam. Das ist jetzt anders. Ich kann viel gelassener mit den Unvollkommenheiten und Grenzen von mir und anderen umgehen.
Im Gegensatz zur Sozialistischen Ethik, die in der DDR an staatlichen medizinischen Fachschulen vermittelt wurde, war die Christliche Ethik Bestandteil eurer Ausbildung. Was habt ihr daraus gelernt? Und was konntet ihr durch die IP vertiefen oder weiterführen?
Anne: Es war erstaunlich für mich zu erkennen, wie „kompatibel“ die IP mit dem christlichen Glauben ist. Besonders der Gedanke der Gleichwertigkeit, den ich schon kannte, wurde vertieft durch Erkenntnisse über die vertikale + horizontale Sichtweise. Das alles wurde sehr verständlich und praxistauglich für mich.
Christina: Im christliche Menschenbild und in der IP wird die Würde und der Wert des Einzelnen betont und hochgehalten - unabhängig vom sozialen Status oder der Herkunft des Menschen. Neu dazugekommen ist für mich durch die IP das Wissen um die Zielgerichtetheit des Menschen und seine Entscheidungsmacht. Natürlich wäre es günstig, wenn der Diabetiker das tut, was der Arzt ihm erklärt hat. Wenn er also seine Blutzuckerwerte regelmäßig misst und in ein Tagebuch schreibt, damit die entsprechende Medikation korrekt ermittelt werden kann. Trotzdem gibt es Patienten, die gar nicht messen, ihr Tagebuch regelmäßig „vergessen“ oder ideale Phantasiewerte vorlegen. Zu verstehen, dass Patienten, die so handeln, nicht böse oder dumm sind, sondern andere Ziele verfolgen, hilft mir, sie nicht abzustempeln und sie vielleicht doch für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und das ganz ohne moralische Überlegenheit. Auch dieser Aspekt war mir neu und hilfreich in der IP.
Was sagen eure Kollegen zur Individualpsychologie?
Christina: Es gibt beides, Interesse und Skepsis. Ich versuche, nicht zu viel über die IP zu reden und einfach entsprechend zu handeln. Im Laufe der Jahre hatte das Auswirkungen. Einige meiner Kolleginnen schätzen meinen Ansatz und fragen auch mal in einer persönlichen Angelegenheit nach. Oder sie delegieren heikle Kommunikationsaufgaben innerhalb der Praxis an mich. Es scheint sie zu überzeugen, dass ich respektvoll, freundlich und gleichzeitig klar kommunizieren kann. Mit Patienten, im Team und wenn es sein muss auch mit dem Chef.
Anne: Anfangs hatte ich eine gewisse Scheu, meinen Kolleginnen von der IP und meiner Ausbildung zu erzählen. Zu meinem Erstaunen waren ihre Reaktionen dann ganz anders als erwartet! Sie waren beide interessiert und fragten nach. Mittlerweile gibt es ab und an interessierte Fragen am Rande. Zum Beispiel über die Verschiedenheit der Kinder innerhalb einer Familie. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären, fragte sich eine Kollegin. Ich erzählte vom Theaterstück des Lebens und von der Bühne, auf der wir alle mit Beginn unseres Lebens unsere Rolle finden. Und dass Rollen, die schon vergeben sind, nicht ein zweites Mal besetzt werden. Dieses schöne und verständliche Bild hat bei meiner Kollegin einen Aha-Effekt ausgelöst, sodass eine neue Offenheit entstanden ist.
Gibt es konkrete Begebenheiten aus eurem Arbeitsalltag, in dem die IP für euch hilfreich gewesen ist?
Christina: Am wirkungsvollsten ist die IP in den einzelnen Begegnungen. Ich erlebe das in kurzen Episoden mit Patienten, am Tresen oder im Labor. Die ermutigende Beziehungsqualität Humor setze ich sehr gern ein. Kürzlich sagte ein Patient, nachdem er von der Waage stieg. „Oh, die Gewichtshexe hat mich wieder angesprungen...“ Und ich erwiderte augenzwinkernd: „Oh, das ist natürlich schwierig... Wie macht die Hexe das denn???“ Der Patient schmunzelte und verstand.
Faszinierend ist zu beobachten, wie gut Respekt und Ermutigung bei allen Menschen ankommt. Besonders trifft das natürlich für Patienten zu, die nicht die Lieblingskandidaten einer Arztpraxis sind: Menschen mit Suchtproblematik, extremem Übergewicht oder mangelnder Hygiene. Sie sind für jedes nette Wort oder jede wertschätzende Geste empfänglich. Häufig gibt es auch Gelegenheit, die Lebenssituation einzelner Menschen zu würdigen, in der Kürze der Zeit sehr gut zuzuhören und entsprechend zu reagieren. Ein 78jähriger Mann erzählte mir im Labor mit feuchten Augen vom Sterben seiner Frau. Dann fragte er schüchtern, ob ich das Hochzeitsfoto der beiden sehen möchte, er hätte es in der Tasche. Was für ein Moment menschlicher Begegnung, dieses gerahmte Bild in den Händen zu halten und das junge Paar zu sehen... Das sind für mich Sternstunden meines Berufes.
Anne: Ich denke konkret an einen jungen Mann, dessen Arbeitsmoral recht niedrig ist. Oft will er sich wegen Kleinigkeiten beim Arzt vorstellen, um einen Krankenschein zu bekommen. Hier kam ich jedes Mal an die Grenzen meiner Akzeptanz und demzufolge auch Freundlichkeit, weil ich meinen Wertemaßstab ansetzte. Durch die IP entstand ein neues Bewusstsein für meine zugrundeliegenden Gedanken. Und dafür, dass ich mich entscheiden kann, diese zu korrigieren. So kann ich mit gleichwertigen Gedanken reagieren, ohne innerlich „grummelig“ zu sein und Missbilligung zu empfinden. Wenn ich ihm jetzt freundlich begegne und mich nach seinen Beschwerden erkundige, reagiert er nicht mehr gereizt, sondern erleichtert. Solche Begebenheiten sind für Patienten und für mich selbst ein großer Gewinn.

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