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Donnerstag, 22. Juli 2021 Von Christina Ott
Blitzschlag

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel

Endlich Urlaub. Ich vertiefe mich in die Sicht aufs Bergpanorama, schwimme im Naturpool und pflücke Blaubeeren. Frösche quaken. Unsere Vermieter haben eine idyllische Oase geschaffen, mitten in den Südtiroler Bergen. „Lockerluftiges Sommerglück“ – das wäre der ideale Blogtitel nach all den Entbehrungen der vergangenen Monate. Und genau danach verlangt auch mein Herz.

Doch etwas passt nicht. Während ich genieße und entspanne, stehen ganze Landstriche unter Wasser. Zahlreiche Menschen sind verzweifelt, nicht nur in Deutschland. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel haben Überflutungen ihr Leben weggeschwemmt. Von heute auf morgen. Hier bietet sich mir ein friedliches Bild: Die Vermieterin bringt ihre drei Esel mit liebevollem Kraulen in den Verschlag. Dort haben Menschen wie du und ich kein Zuhause mehr.

Die reißende Flut vor der Haustür


Eine Studienkollegin aus Heimerzheim postet bei Instagram die reißende Flut vor ihrer Haustür. Dazu schreibt sie emotionale und kluge Worte. „Die letzten Tage haben mir folgendes gezeigt: Probleme, die uns sonst als Probleme erschienen, waren keine Probleme!“ Die Oma ihres Freundes im Erdgeschoss des Hauses hat alles verloren. Und das mit 85 Jahren. Doch sie haben überlebt und sind zutiefst dankbar für die Hilfsbereitschaft der Menschen.

Was ist nun mit dem wohlverdienten Urlaub? Mit meinem Erholungsbedarf und dem Genuss der Schönheit ringsum? Darf ich mir das noch gönnen in dem Wissen um die Not anderer Menschen in unserem Land? Schaue ich Nachrichten oder blende ich die Katastrophe aus? Nur aufs eigene Wohl bedacht zu sein, reicht mir nicht aus. Also ist die Haltung „Alles weit weg…. Was geht´s mich an?“ nicht die beste Option. Allerdings nützt es auch niemandem, wenn ich mir das Glück versage.

Mitgefühl ist eine menschliche Fähigkeit, die nicht aus der Mode kommen darf. Sie schafft den inneren Draht zu Betroffenen. Mitgefühl bedeutet, innezuhalten. Nach den Nachrichten nicht gleich zur Tagesordnung überzugehen. Dem Erleben anderer Menschen Raum zu geben - in meinen Gedanken und Gefühlen. Weil niemand von uns allein überleben kann, ist die Not der Anderen irgendwie auch meine Not. 

Mitgefühl als Blitzableiter


Mitgefühl weckt aktive Fragen. Gibt es etwas, das ich tun kann? Zuhören, schweigend die Hand halten, ermutigen, beten oder praktisch helfen? Das Gebet des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, wurde in den sozialen Medien geteilt. Darin heißt es: „Barmherziger Gott, vor dich bringen wir all die Menschen, denen aufgrund des Unwetters großes Leid widerfahren ist. Steh ihnen bei, gib ihnen Kraft, wo sie erschöpft sind, und Mut, wo sie zu verzweifeln drohen. Und gib uns allen offene Augen und Ohren, damit wir wahrnehmen, wo und wie wir helfen können. Ewiger Gott, sei bei uns. Verlass uns nicht. Auf dich vertrauen wir. Amen.“

Ich kann im Moment am besten helfen, indem ich Geld spende. Mit ein paar Smartphone Klicks ist es getan. Ich weiß, es ist nur ein kleines Signal für die Oma meiner Studienkollegin. Vielleicht bewirkt es sogar mehr bei mir, als bei ihr: Es schärft meinen Blick für das Leben und für unsere Verletzlichkeit.

Heitere Großwetterlage?


Ja, der heitere Lebenshimmel, den wir am liebsten dauerhaft hätten, ist eine Wunschvorstellung. Die kleinen und großen Zwischenfälle des Lebens platzen einfach so herein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie eine plötzliche Überschwemmung oder der folgenschwere Sturz von der Leiter. Tatsächlich besteht ein Großteil unseres Lebens aus Herausforderungen und unerwarteten Ereignissen. Wenn es uns persönlich betrifft, heißt das, unseren Mut und unser Gottvertrauen zu aktivieren.

Und wenn wir es nur aus der Ferne mitbekommen, dürfen wir mitzufühlen und solidarisch handeln. Auch im Urlaub. Deshalb genieße ich die Sicht aufs Bergpanorama, schwimme im Naturpool und pflücke Blaubeeren. Und mein Herz sagt „Danke!“, dass es mir gerade so gut geht.

 

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