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Montag, 24. Januar 2022 Von Christina Ott
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Unsere Worte machen Sinn

Wortfetzen und ganze Sätze - ständig umschwirren sie uns. Wir fangen sie auf, bewusst oder unbewusst. Das geschieht, sobald Passanten, die sich unterhalten, an uns vorbeilaufen, oder wenn Töne aus Radio und TV an unser Ohr dringen. Interessanterweise sogar, wenn wir unseren eigenen Worten nachlauschen.

Jeder von uns spricht tausende Worte pro Tag. Eine neuere Studie nennt 16 000 Wörter als Richtwert. Mittels Tonbandaufnahmen von Männern und Frauen über einen längeren Zeitraum soll der Psychologe Matthias Mehl diese Zahl ermittelt haben. Allen Vorurteilen zum Trotz gibt es dabei nur unwesentliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Der Trampelpfad der Worte


Dabei ordnen sich unsere Worte in einer bestimmten Reihenfolge. Nicht wie Herbstblätter, die in einen Fluss fallen und zufällig ihre Formation in der Strömung einnehmen. Die Bestimmer unserer Sätze sind wir selbst, egal, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Dabei entstehen nicht nur persönliche Lieblingssätze, sondern auch allgemeine Redeweisen. Worte und Sätze werden zum Trampelpfad, den viele nutzen. Vielleicht sogar zu einem beliebten Weg. Im Jahr 2022 werde ich mit meinen Blogbeiträgen Redeweisen und Sprichwörter herauspicken, die mich in irgendeiner Weise inspirieren. Und hiermit geht es los:

„Das macht Sinn!“ - Immer wieder höre ich den Satz. Der menschenzugewandte Hotelfachmann hat ihn genauso im Repertoire, wie die engagierte Erzieherin, die sprachgewandte Journalistin oder Personen des öffentlichen Lebens. Auch ich selbst habe mir diese Redewendung zu eigen gemacht. Ich gebrauchte sie ganz unbedarft bis zum Tag X. Doch dann geschah etwas.

Als Supervisorin arbeitete ich mit einer kleinen Gruppe Sozialpädagogen. Gegen Ende der Fallbesprechung fasste ich noch einmal zusammen, was zur Sprache kam und welche Zusammenhänge dahinterstehen könnten. Hochkonzentriert suchte ich beim Sprechen den Blickkontakt zum Falleinbringer und fragte rückversichernd „Macht das für Sie Sinn?“. Zwei Teilnehmerinnen grinsten sich an und rückten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Auf mein Nachfragen erfuhr ich den Grund: „Sinn machen“ gäbe es gar nicht. Das wäre eine falsche Redewendung, grammatikalischer Humbug und überhaupt kompletter Unsinn.

Falsch und doch so richtig


Seitdem wurde die Redewendung für mich doppelt interessant. Gegründet auf die Übersetzung des englischen Ausdrucks „That make sense“ ist sie natürlich nicht typisch für unsere deutsche Sprache. Engagierte Patrioten behaupten überzeugt, dass sowas gar nicht geht! Doch die Redeweise schert sich nicht darum. Sie tummelt sich im Becken der Umgangssprache und lässt sich fröhlich von Hinz und Kunz gebrauchen.

Das ist kein Zufall, denn Sprache verdichtet Erfahrung. Sie drückt Sehnsucht aus und Wertigkeiten. Ich las, Sprachentwicklung sei ein zutiefst demokratischer Prozess. Und da ist sicher etwas dran. Wer die Redeweise verwendet, lässt den anderen daran teilhaben, wie er Puzzleteile seiner Logik zusammenfügt. Wollen wir das Gegenüber mitnehmen, wenn wir so zurückfragen? Uns von der nachdenklichen Seite zeigen? Sind wir vielleicht sogar Sinnsucher, ohne es zu wissen?

Die sinnvolle Suche


Ohne Zweifel, die innere Frage nach dem Sinn treibt uns um. Und das ist gut so. Selbst wenn es sich in einer „falschen“ Formulierung zeigt, gibt es trotzdem die richtige Richtung vor.

In einem gefühlten Sinnvakuum lässt sich das Leben nicht gut gestalten. Der Begründer der sinnorientierten Psychotherapie, Viktor Frankl, nannte es das „existenzielle Vakuum.“ Die Frustration der Sinnlosigkeit ist gefährlich für uns Menschen. Frankl formuliert einladend: „Äußere Krisen bedeuten die große Chance, sich zu besinnen.“ Eine Hobbygrafikerin gestaltet mir diesen Ausspruch gerade per Handlettering für meine Beratungsräume. Das Wort „Sinn“ soll mit goldenen Buchstaben herausstechen. Frankl sagte auch „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“

Diese Ahnung schwebt in der Luft, mit jedem „das macht Sinn“. Genussvoll formuliere ich sie deshalb immer wieder, die kleine Wortgruppe, die es gar nicht geben sollte. Als bebeharrliche Erinnerung an den großen Sinn, den unser Leben braucht. 

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Ich poliere kleine Fundstücke des Alltags und halte sie ins Licht der Psychologie und des christlichen Glaubens, bis sie beginnen zu funkeln.

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