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Donnerstag, 26. Mai 2022 Von Christina Ott
Kamele

Der Geduldsfaden im Kopf

Wie sieht Dein „Geduldsfaden“ aus? Es gibt ihn nicht wirklich, doch stell ihn Dir vor: ein dünner Zwirn oder poröses Seil, Wollfaden oder Angeldraht. Unsere Geduld beginnt im Kopf. Wenn der Geduldsfaden zu reißen droht, ist es schon fast zu spät. Doch bevor es soweit ist, gibt es erste Warnsignale.

Ungeduld am Lenkrad


Kürzlich dachten wir im Urlaub: „Am besten, wir nehmen ein Taxi“. Es sollte uns fünfzehn Kilometer bringen, von Beit Jala nach Jerusalem. Eine flotte Mittvierzigerin schwang sich aus dem Wagen und lud uns samt Gepäck ein. Sie stammte aus Jerusalem.  

Taffe Frau, dachte ich. Routiniert und gelassen passierte sie mit uns die Grenzkontrolle. Anschließend ging es zügig weiter über Land. Ihre gestylten Nägel tippten nebenbei am Smartphone. Doch als wir Jerusalem erreichten, ändert sich abrupt ihr Fahrstil. Energisch hupte sie - und das nicht nur einmal. Sobald ein anderes Auto nicht prompt reagierte, gellte ihr schrilles Hupgeräusch auch schon in meinen Ohren.

Später erlebten wir im eigenen Mietauto das gleiche Spiel, doch diesmal von der anderen Seite. Jeder unsichere Fehler, jedes kleine Zögern wurde sofort abgestraft. Die Ampel hatte gerade erst von Rot auf Gelb geschaltet. Doch es hupte hinter uns, weil wir nicht schon fuhren. Der Geduldsfaden als Zündschnur zwischen Hirn und Hupbewegung.

Von einem Bein aufs andere


Der Alltag ist voller Ungeduld, wir alle tragen dazu bei. Sobald die Geduld schwindet, wird das am Körper sichtbar. Das Repertoire dafür ist vielfältig: von einem Bein aufs andere treten, mit Fingern trommeln, laut stöhnen oder die Augen verdrehen. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Ich denke an die Schlange am Postschalter. Sobald ein paar Wartende in der Reihe stehen, wird ein Raunen hörbar: „Können die nicht mal einen zweiten Schalter öffnen?“ Bestätigendes Nicken und der demonstrative Blick an die Uhr. Unsere Geduld ist schnell überstrapaziert. Nervosität überträgt sich auf andere und steht angespannt im Raum.

Vorsicht mit dem Geduldsfaden


„Mir reißt gleich der Geduldsfaden!“ Die Redeweise stammt aus der Textilfabrik. Früher mussten dort, damit die Spulen flutschten, Fäden aufgezogen werden. Das taten fleißigen Spinnerinnen. Dafür brauchten sie beides, Fingerspitzengefühl und Geduld. Einmal kurz nicht aufgepasst und schon war es passiert. Grob gezerrt und der Faden war pfutsch. Also arbeiteten sie besser mit Bedacht, als hektisch unter Druck.

Es gibt Dinge, die brauchen einfach ihre Zeit. Diese verkürzen zu wollen, ist keine gute Idee. Zwischen Hochgeschwindigkeitszügen und Expresslieferungen vergessen wir das schnell. Uns daran zu erinnern, ist die beste Strategie. Sonst liegen die Nerven viel zu schnell blank. Das Gras wächst nicht schneller, wenn Du daran ziehst. Und kein Vorgang beschleunigt sich, wenn Du mit den Hufen scharrst. Ganz im Gegenteil, wir machen nur uns selbst und andere nervös.

„Ein Geduldiger ist besser als ein Starker“, hieß ein Sprichwort zu biblischen Zeiten (Sprüche 16,23). Geduld mit Menschen ist ein Alltagsgeschenk. Das gilt für jeden. Für das Kind, das eine Schleife bindet und den Kunden, der ausschweifend spricht. Oder für Situationen, die länger dauern, als gedacht.

Geduld als gemächliches Kamel


„Lass mich Geduld lernen, und das möglichst schnell!“ Gut, dass dies so nicht funktioniert. Das Training selbst ist schon Teil der Therapie. Wer jagt Dich schon? Du bist es selbst. Deinen Geduldsfaden hast allein Du in der Hand. Also nimm den Druck raus, atme tief durch und stärke dein Nervenkostüm. 

Ein arabisches Sprichwort verheißt: „Humor und Geduld sind zwei Kamele, mit denen du durch jede Wüste kommst.“ Also ersetze Deinen Geduldsfaden doch am besten mit einem Kamel. Sobald Du nervös wirst, kannst Du Dich schmunzelnd erinnern: „Ich brauche mein Gedulds-Kamel“. Probieres es aus, das Kamel wird Dich tragen.


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